Die Tage vor der Katastrophe

Am 27. März 1986 erschien in der Wochenzeitung des Ukrainischen Schriftstellerverbandes, 'Literaturna Ukraina', eine Reportage über den Bau des Atomkraftwerkes Tschernobyl. Die Autorin Ljubow Kowalewska beschreibt darin zahlreiche Schwierigkeiten während der Fertigstellung des 5. Reaktorblocks


Text der Ukrainische Wochenenzeitung
Das ist keine private Angelegenheit


Um die weitere Entwicklung der Volkswirtschaft und besonders des Energiewesens und des Brennstoffpotentials zu gewährleisten, muß der Bau von Atomkraftwerken beschleunigt werden... Das hat die Anlage von Tschernobyl in die erste Reihe der gewaltigen nuklearen Elektrowerke dieser Art in der Sowjetunion gestellt und die Versorgung mit Strom in der gesamten südwestlichen Region des Landes gesichert. Außerdem versorgt das Werk in Tschernobyl seit September 1980 Mitgliedsstaaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe...

Die Arbeit an der Vergrößerung der Kapazität des Atomkraftwerkes in Tschernobyl geht weiter. Im Bau befindet sich der dritte Abschnitt mit dem fünften und sechsten Reaktor, die 1986 beziehungsweise 1988 fertiggestellt werden sollen. Wenn das geschieht, dann wird dieses Werk das größte Atomkraftwerk der Welt sein. Angesichts dieser Errungenschaften fällt die Senkung des Bautempos beim fünften Reaktor auf. Die Baupläne und die Montagearbeiten für das Jahr 1985 wurden nicht planmäßig ausgeführt. Der Bau sollte sich streng an die technischen Vorschriften halten. Aber das ist nicht geschehen. Probleme, die schon beim ersten Reaktor entstanden, setzten sich beim zweiten fort und sind von dem zweiten auf den dritten übeigegangen, und so weiter. Die Schwierigkeiten haben sich veigrößert und zahlreiche Probleme sind ungelöst geblieben. Zunächst hat man darüber viel diskutiert, dann folgte die Enttäuschung, schließlich endete alles in Hoffnungslosigkeit...

Und nun zum fünften Reaktor: Man hat die Frist für den Bau von drei auf zwei Jahre verkürzt, und er begann 1985 mit minimalen Reserven an Baumaterial. Auf eine solche Änderung von Terminen waren weder die Projektleiter noch die Lieferfirmen oder die Bauleute vorbereitet. Doch jene Instanzen, die die Direktiven erteilen, versuchen oft, den Bauunternehmern irreale Programme aufzuzwingen, was zur Desorganisation des ganzen Bauprozesses und oft zum Scheitern von Projekten führt... Diese Desorganisation hat nicht nur die Disziplin, sondern auch die Verantwortung für die Resultate des Baus geschwächt.

Die Schwierigkeiten, die sich für Techniker und Ingenieure ergaben, haben auch die Arbeit der Baubrigaden erschwert. Menschliche Schwächen haben sich mit der Abnutzung von Maschinen, mit Mängeln bei der Mechanisierung und bei den Instrumenten verbunden. Mit einem Wort: es haben sich die typischen Unzulänglichkeiten in unserem Bauwesen bemerkbar gemacht.

Auf die Verantwortungslosigkeit der Lieferbetriebe kann der Auftraggeber wenig Einfluß nehmen. Und so wurden 1985 von dem bestellten Eisenbeton statt 45500 Kubikmeter nur 42 300 Kubikmeter geliefert, davon waren 6000 völIig ungeeignet. Von dem Wolgabetrieb für Metallkonstruktionen sind 326 Tonnen einer Dachkonstruktion eines Gebäudes für die Aufbewahrung des verbrauchten nuklearen Brennstoffes ausgeblieben...

Indessen wuchsen in der technischen Inspektion die Aktenberge über die Schwierigkeiten und über die schlechte Qualität der gelieferten Konstruktionen und Elemente. Indem ich diese Fakten anführe, möchte ich die Aufmerksamkeit darauf lenken, daß es beim Bau von atomaren Kraftwerken darum geht, die Normen genau einzuhalten. Jeder Kubikmeter Eisenbeton muß die Sicherheit garantieren. Beim Bau von solchen Objekten muß gewissenhaft gearbeitet werden. Wieviel Ausdauer, wieviel Kraft und wieviel Nerven hat es die Bauleute gekostet, schlechte Konstruktionen einigermaßen zu verwenden. Bei den Firmen, die Ausschußware liefern, steht an erster Stelle die Fabrik der Industrievereinigung,Sojus-atom-ergo-budprom', das heißt der Hauptlieferant von Eisenbeton für das Atomkraftwerk in Tschernobyl. Wie soll man unter solchen Bedingungen arbeiten? Im Sozialismus müßte als Hauptkriterium bei jeder wirtschaftlichen Tätigkeit das Endresultat gelten. Die Vielfalt der Baubranche verlangt gemeinsame Verantwortung.

Sagen wir es offen: Bislang sind die Resultate unbefriedigend... Noch höher ist aber unsere gemeinsame Verantwortung hinsichtlich der Zukunft: Was überlassen wir den kommenden Generationen?

Chronologisch: