1999: K2R4 statt Tschernobyl

Dreizehn Jahre nach dem Super-Gau hat sich die Ukraine endlich bereit erklärt, den letzten noch in Betrieb befindlichen Tschernobyl-Reaktor stillzulegen. Stattdessen sollen die Meiler an den Standorten Kmelnitzki 2 und Rowno 4 (kurz: K2R4) zuende gebaut werden. Der ursprüngliche Plan, als Ersatz ein modernes GuD-Kraftwerk zu bauen, wurde unter Einflußnahme der deutschen und französischen Nuklearindustrie fallengelassen.
Um Tschernobyl loszuwerden, sollen also mit finanzieller Unterstützung der G7-Staaten zwei neue Atomreaktoren errichtet werden. Von den geplanten Gesamtkosten in Höhe von 3,4 Milliarden Mark müßte Deutschland einen Anteil 810 Millionen Mark übernehmen. An die Zusagen der Kohl-Regierung fühlt sich auch Bundeskanzler Schröder gebunden.
Auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Köln Anfang Juni sollte ein Beschluß über die Finanzierung getroffen werden. Die Bundesregierung hat ihre endgültige Entscheidung darüber allerdings verschoben.
Sollten die beiden Reaktoren in der Ukraine mit deutscher Unterstützung gebaut werden, würde eine Technologie im Ausland finanziert, die in Deutschland wegen ihres hohen Risikos nicht mehr genehmigungsfähig ist. Der geplante deutsche Atomausausstieg wäre dann endgültig unglaubwürdig.
Profitieren würden einzig und allein Siemens und Framatom, denen dicke Aufträge winken. Mit den Geldern soll eine Reaktor-Linie, die noch aus der Sowjetzeit stammt, mit westlicher Technologie aufgerüstet werden. Die schweren Sicherheitsdefizite werden dadurch aber kaum gemildert.
Die Fertigstellung von K2R4 macht für die Ukraine wirtschaftlich keinen Sinn. EU-Studien zeigen, daß die anvisierten Milliarden-Beträge anders eingesetzt weit mehr zur Stromversorgung des Landes betragen könnten. Die Palette der Maßnahmen reicht von der Errichtung mehrerer GuD-Kraftwerke, über Sparmaßnahmen bis hin zum Bau von Windkraftanlagen auf der Krim.
Der letzte Tschernobyl-Reaktor kann also ohne Ersatz durch neue Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Die Hilfe des Westens ist dennoch notwendig.