Tschernobyl - Tag 7

Zeitungsausschnitt: TASS: Emission ist in Tschernobyl zurückgegangen

Moskau (dpa) Auch ein Sonderstab der US-Regierung, der sich laut AP mit der Auswertung des Reaktorenunglücks beschäftigt, berichtete jetzt, das havarierte sowjetische Kernkraftwerk habe vermutlich bereits den größten Teil der freigesetzten Radioaktivität abgegeben, und es sei nur mit geringer weiterer Ausschüttung selbst für den Fall zu rechnen, daß der Reaktorkern noch brennen sollte. Bei dem geheimnisvollen "heißen Fleck", der auf Satellitenfotos auszumachen gewesen sei, handele es sich nicht um einen zweiten in Flammen stehendea Reaktor sondern vermutlich eine Industrieanlage-. US-Atomindustrieexperten verwiesen, wie AP weiter meldet, auf die Möglichkeit, daß die US-Regierung die Gefährlichkeit des Reaktorunglücks von Tschernobyl übertrieben dargestellt habe. Die sowjetischen Angaben, daß nur zwei Menschen bei dem Unglück ums Leben gekommen seien, seien glaubwürdig. Durch gamma-spektrometrische Luft-Aerosol-Messungen im staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR wurde für Berlin am 30. April, 1. Mai und 2. Mai ein ständiger Rückgang der Konzentration an Radioaktivität festgestellt. Betrug die gemessene Konzentration der Radioaktivität am 30. April um 22.30 Uhr 460 mBq/Kubikmeter, lag der Wert am 1. Mai um 11 Uhr bereits bei 210 mBq/Kubikmeter und am 2. Mai um 14 Uhr bei 96 mBq/Kubikmeter. Die Werte liegen aber noch mehr als hundertmal höher als vor der Havarie. gesundheitliche Gefährdungen bestehen nicht. In Westberlin wurde am selben Tag eine Lieferung von 24 000 Litern Milch aus der DDR wegen erhöhter Radioaktivität sichergestellt. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Gesundheit lag der gemessene Wert aber "weit unter der gesundheitsgefährdenden Grenze". In einer Presseerklärung wertete die Westberliner Meierei-Zentrale am Freitag abend die Sicherstellung von Milchlieferungen als "eine Überreaktion unserer Senatsdienststellen", da es zu keinem Zeitpunkt eine Gesundheitsgefährdung durch Milch und Milcherzeugnisse gegeben habe.
Die Meierei bezieht sich auf Angaben der Strahlenkommission beim Bundesinnenminister in Bonn, nach der ein Grenzwert für Milch von 500 Becquerel als absolut unbedenklich anzusehen sei. Die beanstandete Milchladung habe hingegen einen Wert von 7,5 Becquerel aufgewiesen. Wie der Sprecher des Bundesinnenministeriums, Butz, versicherte, war die Gesundheit der Bevölkerung zu keiner Zeit gefährdet. Bie höchsten Werte wurden am Mittwoch abend in München und Regensburg sowie in Westberlin gemessen. Seither seien sie- um- mehr als die Hälfte gesunken und nähmen weiter ab. Nach Aussagen von Experten der Strahlenschutzkommission wären gesundheitsvorbeugende Maßnahmen erst bei dem Fünfzigfachen der gemessenen Werte notwendig geworden. Die Einnahme von Kaliumjodtabletten zum Schutz der Schilddrüse ist in der Bundesrepublik angesichts der gemessenen Werte an radioaktivem Jod "keineswegs erforderlich", stellte der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission beim Bundesinnenministerium, Prof. Erich Oberhausen, klar. Die Einnahme von Jodtabletten habe keinen Nutzeffekt, verursache allenfalls Nebenwirkungen. Einige aus der UdSSR zurückgekehrte Fachkräfte sind durch den Reaktorunfall nur mäßig durch radioaktive Strahlung be1astet worden. Dies hat am Freitag eine Untersuchung von sechs Personen in der Kernforschungsanlage Jülich ergeben. Sie hatten sich zur Zeit der Katastrophe 150 Kilometer nördlich von Tschernobyl befunden. Wie ein Sprecher der Kernforschungsanlage mitteilte, lagen die Meßwerte "im Bereich" dessen, was beruflich strahlenexponierte Personen erhalten dürfen". Die Werte der Betroffenen hätten deutlich unter jenen gelegen, denen Beschäftigte in Kernkraftwerken und Röntgenärzte ausgesetzt seien. In ganz Polen ist der Gehalt von radioaktivem Jod in der Luft am Freitag wieder zurückgegangen und nähert sich dem Normalzustand. worden.
Die Wahrheit, 3.5.1986


Tatsächlich beginnt unter der Decke aus Sand und Blei die Temperatur des Reaktorbrennstoffes wieder zu steigen - das "China-Syndrom" droht...

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