Unterdessen läuft die sowjetische Propagandamaschine auf Hochtouren. Auch die Bürger der DDR können am 30. April 1986 in der "Wahrheit" daran teilhaben.

Moskau (DW-Korr.): Bei dem Reaktorunfall in dem 130 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew gelegenen Kernkraftwerk Tschernobyl sind zwei Menschen ums Leben gekommen. Dies gab die sowjetische Regierung am Dienstag abend bekannt. Die Siedlung am Atomkraftwerk und drei weitere nahe gelegene Siedlungen sind evakuiert worden. Wie staatlicherseits weiter informiert wurde, sind dringende Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen des Reaktorunfalls eingeleitet worden. Am Unfallort ist eine Regierungskommission eingesetzt, der Leiter von Ministerien und anderer zentraler Staatsorgane sowie namhafte Wissenschaftler und Experten angehören. Nach derzeit vorliegenden Informationen ereignete sich die Havarie in einem der Räume des 4. Energieblocks. Dadurch wurde ein Teil des Reaktorgebäudes zerstört und der Reaktor selbst beschädigt, was zum Entweichen einer gewissen Menge radioaktiver Stoffe führte. Die drei anderen Blöcke wurden stillgelegt; sie sind intakt und stehen in Betriebsreserve. Die Strahlungssituation im Kraftwerk und seiner Umgebung wurde unter Kontrolle gebracht, den Betroffenen wird die erforderliche ärztliche Hilfe erwiesen. Das sowjetische Außenministerium ließ gestern laut dpa wissen, daß Menschen "im Bezirk um Kiew" durch das Unglück "nicht gefährdet" seien.
Nach Angaben aus verschiedenen europäischen Ländern wie seitens der Westberliner Umweltbehörde sind nirgendwo für Menschen gefährliche Meßwerte registriert worden, d. h. weder in Dänemark, Finnland, Schweden, in der BRD noch in Polen oder in der DDR. Der Leiter des staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR, Prof. Dr. Georg Sitzlack, der sich gegenwärtig mit einer Expertengruppe aus der DDR zu einem Besuch in Dänemark aufhält, erklärte am Dienstag gegenüber Pressevertretern, daß in der DDR Strahlenmessungen mit äußerster Gründlichkeit vorgenommen werden. Im Zusammenhang mit der Havarie in dem ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl erklärte Sitzlack, für die Sicherheit der Reaktortypen in der DDR gelten eigene nationale und zusätzliche Sicherheitsvorschriften, deren Einhaltung mit aller Strenge gegenüber der Wirtschaft und allen Beteiligten durchgesetzt wird. "Als nicht relevant" bezeichnete ein Sprecher des Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR in Berlin die Frage einer Überprüfung der Sicherheit in den Kernkraftwerken der DDR nach dem Unfall im ukrainischen Kernkraftwerk Tschernobyl.»Wir haben ganz andere Reaktoren«, erläuterte der Sprecher des Amtes auf entsprechende Fragen von Pressevertretern.
Die Wahrheit, 30.4.1986
Demgegenüber herschte in den Medien der Bundesrepublik eher Verwirrung über die zu befürchtenden Auswirkungen...

»Wir haben nur ein Päckchen Jodtabletten vorrätig, aber es hat heute niemand danach verlangt«, berichtet der Mitarbei- ter der Kreuzberger Apotheke am Viktoriapark. Wie eine Kurzumfrage der taz in verschiedenen Apotheken ergab, wurden in Berlin gestern nicht mehr Jodtabletten verkauft als an anderen Tagen auch. In Dänemark sind die Tabletten ausverkauft, sie sollen angeblich gegen Atomstrahlung helfen. »Bei uns hat nur ein Kunde eine isländische Flechte geholt«, berichtet der Apotheker. »Der hat gemeint, das würde gegen Atomstrahlung gut sein«.
[...] Gestern wurden in Berlin von der Strahlenmeßstelle des Senators für Stadtentwicklung und Umweltschutz radioaktive Zerfallsprodukte in der Luft nachgewiesen. Diese dürften, so Senator Starnick am Abend, »aus einer Kernspaltanlage entwichen sein«. Gemessen wurden von Jod 131 0,04 Bequerel pro Kubikmeter Luft und Stunde (Menge der radioaktiven Zerfälle), als Grenzwert gilt ein Bequerel/m3/h. Von Cäsium 137 wurde ein Wert von 0,02 Bequerel ermittelt, als Grenzwert gilt hier 4 Bequerel. Nach Angaben von Starnick ändere sich dadurch die Belastung durch die natürliche Bestrahlung »praktisch nicht«. Wie es weitergeht, sei »wetterabhängig«. 400 Kilometer von Berlin entfernt ist am Montag über Ostpolen eine radioaktive Wolke in Richtung Skandinavien gezogen. Während in Warschau eine Regierungskommission eingesetzt wurde, Zeichen für eine andauernde Gefahr, wurde von dem Sprecher des Innensenators gestern eine Stimmung à la »Is was?« verbreitet.[...]
taz, 30.4.1986