Am 29. April -also 3 Tage nach dem Unfall- konnten die Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik erste Informationen in den Zeitungen lesen. So schrieb der Berliner Tagesspiegel unter Berufung auf die sowjetische Nachrichtenagentut TASS:

Moskau/Stockholm (dpa). In einem Atomkraftwerk der ukrainischen Stadt Tschernobyl nördlich von Kiew hat sich ein Unglück ereignet, von dem auch Menschen zu Schaden gekommen sind. Die Agentur TASS berichtete gestern in einer kurzen Meldung, daß einer der Atomreaktoren der Anlage beschädigt worden sei. In Finnland und Schweden war gestern an mehreren Orten eine erhöhte Radioaktivität der Luft festgestellt worden.
Weitere Einzelheiten teilte TASS bisher nicht mit. In der Meldung hieß es aber, daß eine Regierungskommission eingesetzt worden sei. Beobachter in Moskau werteten diesen Hinweis als Zeichen dafür, daß das Unglück möglicherweise schwere Folgen gehabt hat. "Maßnahmen werden ergriffen, um die Folgen des Unglücks zu beseitigen", schrieb TASS. Den Betroffenen werde Hilfe geleistet. In der TASS-Meldung wurde nicht gesagt, wann sich das Unglück ereignet hat, oder wodurch es verursacht worden ist. In der UdSSR werden normalerweise Regierungskommissionen nur eingesetzt, wenn sich eine Katastrophe ereignet hat. An sechs Orten Schwedens und Finnlands war gestern stark erhöhte Radioaktivität gemessen worden. Nach Angaben des finnischen Strahlenschutzzentrums in Helsinki war schon am Sonntag eine fünf- bis sechsfache Erhöhung der üblichen Strahlungsmenge in Tampere (Zentralfinnland) festgestellt worden. Als mögliche Ursache wurde in Schweden das Entweichen radioaktiver Strahlung aus einem UdSSR- Atomkraftwerk vermutet. Das finnische Strahlenschutzzentrum hatte als Ursache der erhöhten Radioaktivität zunächst eine unterirdische Atombombenexplosion in der Sowjetunion angenommen.
Stärkere Strahlung sei in Finnland schon einige Male nach derartigen UdSSR-Versuchen registriert worden, hieß es. Das Zentrum bezeichnete die gemessene Strahlendosis als nicht gesundheitsgefährdend. In Schweden war die erhöhte Strahlung am Montag zuerst in der Umgebung des Atomkraftwerkes Forsmark nördlich von Stockholm festgestellt worden. Daraufhin wurde die sofortige Evakuierung der 600 Beschäftigten angeordnet. Die Stadt Tschernobyl liegt etwa 130 Kilometer nördlich der Hauptstadt der Ukraine, Kiew, und hat rund 1,5 Millionen Einwohner. Ob auch sie von dem Unglück betroffen wurden, ist noch nicht bekannt. Ein westlicher Diplomat berichtete nach einer Meldung der amerikanischen Nachrichtenagentur UPI, das Atomkraftwerk in Tschernobyl bestehe aus vier Reaktoren von jeweils 1000 Megawatt Leistung. Die Anlage sei 1973 in Betrieb genommen und 1984 der vierte Reaktor ans Netz angeschlossen worden. Über andere Unfälle in Atomkraftwerken der Sowjetunion und ihre Folgen sind in der Vergangenheit nur spärliche Informationen bekanntgeworden. Die sowjetische Agentur TASS erklärte, der Unfall in Tschernobyl sei "der erste in der Sowjetunion".