Am 28. August 1983 flog "Trinity" von West-Berlin aus in die DDR. Für den Heißluftballon gab es keine Grenze. Einer der Ballonfahrer war Gerd Leipold, der heutige Geschäftsführer von Greenpeace International.
Er erinnert sich an die erste Aktion über DDR-Boden: "Die Aufregung begann lange vor dem Start des Ballons. Aus Angst vor Entdeckung parkten wir den Möbelwagen mit dem Heißluftballon jede Nacht woanders. Als am Morgen des 28. Augusts endlich der richtige Wind wehte, mussten wir erst den Wagen suchen. Wir starteten von einem verdeckt liegenden Sportplatz in Wilmersdorf. Berlin war für uns der einzige Platz der Welt, an dem wir gleichzeitig gegen die Atomtests von vier Atommächten demonstrieren konnten. Wir landeten hinter der Mauer in Groß Ziehten und die Soldaten, die uns festnahmen, hatten mehr Angst als wir."
Der Überflug sollte die grenzüberschreitende Gefahr von atomaren Waffen verdeutlichen und war für die SED eine Überraschung. Bisher hatte man die Umweltorganisation für eigene Zwecke nutzen können, weil sie sich auf Protestaktionen gegen Atomrüstung, Atomwaffentests und Umweltzerstörung in den westlichen Ländern beschränkte. Nun wurde sie zur Gefahr für den totalitären deutschen Staat, weil sie auf dem Informationsrecht der Bürger, auf Schutz vor Umweltgefahren und auf dem Recht zum friedlichen Protest bestand.
Gab es in der DDR kein Umweltbewusstsein?
Wir blicken nun einmal in das Jahr 1980:
An einem kühlen Apriltag versammeln sich etwa 30 Menschen in der Kreutz-Kirche in Dresden. Sie möchten von nun an über mehr als das Verhältnis von Christen zur Schöpfung reden. Es werden Umweltthemen angesprochen, die den Dresdener bewegen: Die schlechten Luftbedingungen, das vergiftete Wasser und das Sterben der Natur.
Von nun an beginnt eine jahrelange Diskussion zu Umweltthemen im geschützten Raum der Kirche. Der Ökologische Arbeitskreis ist geboren. Es spricht sich schnell herum und gerade Akademiker und Wissenschaftler, die durch ein Gesetz von 1982 zur "Geheimhaltung von Umweltdaten" gezwungen wurden, kommen in die Kreutz-Kirche, um ihr Wissen mitzuteilen und auszutauschen. Der Öffentlichkeit blieben wichtige Daten oder Erkenntnisse verschlossen und genau da wollte der Arbeistkreis mit seiner Arbeit ansetzen. Die öffentliche Resonanz wuchs, auch andere Kirchen in der DDR füllten sich, aber die Staatssicherheit schlief nicht: Spitzel wurden in den Arbeitskreis eingeschleust, Akten angelegt und Maßnahmenpläne erstellt.
Bespitzelt von der Stasi
Die Stasi beobachtete und verfolgte die Mitglieder. Ihre Gespräche beim Arbeitskreis und im Privaten wurden mit Tonbändern aufgenommen und mit der Schreibmaschine abgetippt; jede Belanglosigkeit war verdächtig.Hier ein Beispiel aus einer der zahllosen Aufzeichnungen, die zu einem strafrechtlichen Vorgehen führen konnten:"Hauptziel der Veranstaltungen ist die tendenziöse Darstellung der ökologischen Situation der DDR (...) sowie der Realisierung öffentlichwirksamer Aktivitäten, wie Eingaben, Unterschriftenaktionen und dergleichen mehr. Es wird versucht, auf Grundlage der vorhandenen Informationen, Druck auf die staatlichen Organe auszuüben (...) und die staatlichen Organe gegeneinander auszuspielen."
In einem Schreiben des Ministerrates der Deutschen Demokratischen Republik, Hauptabteilung XVIII vom16. Mai 1988 steht: "Weitere Qualifizierung der Führung, Leitung und Organisation der politisch-operativen Abwehrarbeit auf dem Gebiet von Umweltschutz und Wasserwirtschaft zur vorbeugenden Verhinderung, Aufklärung und Bekämpfung feindlicher Angriffe. Der Bereich Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR ist zunehmend Angriffen feindlich-negativer Kräfte unter Ausnutzung real existierender brisanter Umweltprobleme ausgesetzt. Insbesondere durch (...) staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen und Organisationen des Operationsgebietes, wie - Umweltbundesamt Westberlin, - Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Westberlin, - Arbeitskreis "Kirche im Sozialismus" Westberlin, - Greenpeace Deutschland, Sitz Hamburg, Kontaktgruppe Westberlin - Hanns-Seidel-Stiftung". Dr. Alfred Kleine, Generalleutnant und Chef der Stasi-Wirtschaftsabteilung (HA XVIII) gab im Februar 1989 noch sehr konkrete Anweisung zur Bekämpfung von Greenpeace: "Schwerpunktmäßig die Realisierung folgender Zielstellungen: 1. (...) 2. Aufklärung und wirksame Verhinderung subversiver Handlungen, spektakulärer Aktionen sowie staatlich nicht genehmigter Aktivitäten von "Greenpeace" als Organisation bzw. einzelner Mitarbeiter/Mitglieder/Sympathisanten. 3. Aufklärung, operative Kontrolle und Zurückdrängung des Auf- und Ausbaues inoffizieller Kontakte von "Greenpeace" zu negativ feindlichen Kräften, vor allem in so genannten staatlich unabhängigen Friedens/Ökokreisen/-gruppen in der DDR durch den Einsatz geeigneter politisch operativer Kräfte und Mittel. (...) 4. (...) 5. Verhinderung des Zuganges zu geheim zu haltenden Umweltdaten."
Doch die Ostdeutschen waren nicht mehr zu bremsen. Trotz der Stasi und drohender Repressalien hatten auf einen Rundbrief an 20.000 zufällig ausgewählte DDR-Bürger viele an Greenpeace geschrieben und das Engagement gelobt.

